Lokalkolorit
Lokalkolorit oder Couleur locale ist eine charakterisierende Funktion der Filmmusik, die bekannte Klänge mit sozialen Räumen verbindet. Im einfachsten Fall handelt es sich um Musik, die regelmässig in den gemeinten Räumen erklingt, wie Orgelmusik in der Kirche, Drehorgelmusik auf dem Jahrmarkt, Tanzmusik beim Ball. Auch eine historische oder geografische Bedeutung kann mit Musik transportiert werden, wie mit barocken oder volkstümlichen Stilelementen. Das «fremde», nichteuropäische Lokalkolorit wurde undifferenziert mit orientalisierenden Stilelementen ausgedrückt.
Das Lokalkolorit ist von der Oper des 19. Jahrhunderts in den Film übernommen worden und war bei der Stummfilmbegleitung bedeutend. Als diegetische Hintergrundmusik ist es nach wie vor gebräuchlich (siehe Inzidenzmusik), im charakterisierenden Underscoring wird es dagegen nicht mehr häufig, am ehesten noch parodistisch eingesetzt.
Durch die verbesserte Tonqualität seit dem Ende des 20. Jahrhunderts haben durch differenzierte Atmo bzw. durch Sounddesign geschaffene virtuelle Räume die einstigen Erkennungssignale für Räume abgelöst. Orientierungslaute verbinden heute gewissermassen das Leitmotiv mit dem Lokalkolorit.
Schweizer Filmmusik
Traditionelles Lokalkolorit setzte noch Robert Blum für seine historischen Filme wie Anne Bäbi Jowäger I (Franz Schnyder 1960) ein. Tibor Kasics gelang es für Dällebach Kari (Kurt Früh 1970), die Welt des Cabarets der 1920er Jahre nachzuempfinden.
Ben Jeger experimentierte etwa für Akropolis Now (Hans Liechti 1983) auf ungewohnte Weise mit charakterisierenden Musikstilen und Instrumenten oder schuf für Das vergessene Tal (Clemens Klopfenstein 1991) ein neues, individuelles Lokalkolorit. Einen ähnlichen Weg gingen Mario Beretta und Florian Eidenbenz mit Höhenfeuer (Fredi M. Murer 1985), indem sie das erfundene Lokalkolorit einer Einöde mit der Innenperspektive der Hauptfigur verbanden.
Niki Reiser setzte Lokalkolorit ungewohnt und parodistisch in Alles auf Zucker! (Dani Levy 2005) ein. Parodistisches Schweizer Lokalkolorit komponierte Diego Baldenweg für den Film Mein Name ist Eugen (Michael Steiner 2005). (Autor: Mathias Spohr)
Literatur
- Spohr, Mathias: «Unerhörte Geschichte – Die Schweizer Filmmusik», in: cinema 61:2017.
